Boppard / Bodobrica

Boppards Besiedlungsgeschichte geht mindestens bis in die Zeit vor dem Ausbruch des Laacher Sees zurück, der vor ungefähr 13000 geschah. Unter den Ascheablagerungen fanden sich in Boppard Reste der sogenannten Federmesserkultur. Seit mindestens keltischer Zeit ist Bodobrica wieder besiedelt. Der Ortsname ist keltischen Ursprungs. Man vermutet eine keltische Siedlung im Bereich der "Alten Burg" unterhalb der Sesselbahn. Unterhalb des Hanges gab es vereinzelte Funde aus der Ära der Höhensiedlungen. Auf dem Mündungsschwemmhügel am Ausgang des Mühlbachales hat man römische Funde ausgegraben.


Hier wurde, unter anderem, Epona verehrt, deren Statue aus der Baugrube des heutigen "Epona"-Getränkemarktes ausgegraben und deren Kopie an der Eisenbahnbrücke am Mühltaleingang angebracht wurde. Das Besondere ist, dass ausnahmsweise Farbreste übrig geblieben sind.


Statuette des Apollo aus dem römischen Vicus von Boppard 1.-2. JH

Man vermutet, dass es damals in der großen Rheinschleife eine Furt und/oder Fähre gegeben hat, die den Handelsaustausch mit dem rechtsrheinisch-germanischen Gebiet erlaubte, ungefähr direkt in der Rheinschleife zwischen Filsen und dem Mühltal. Heute sieht man nur noch die große Kiesbank vor Osterspai und bei Niedrigwasser auch die Landzunge direkt vor Filsen. In der Antike lag das durchschnittliche Rheinniveau noch rund 2 Meter tiefer als heute, weil der Rhein damals noch nicht so ausgesprengt und ausgebaggert und am Oberrhein begradigt war, wie heutzutage. Viele Kiesbänke und Riffe kennzeichneten den Flusslauf und erlaubten einen leichten Übergang. Dies war wohl auch der Grund dafür, dass die keltische Siedlung Bodobrica um die Mündung des Mühlbaches herum entstanden war.
Schon damals war der Rhein nach Norden und Süden die Haupthandelsroute. Der allgemeine Flussverkehr und die Fischerei wurde wohl mit kleinen Flachbooten erledigt, deren Tradition als "Rheinnachen" bis in die Neuzeit reichte.
Zudem soll Bodobrica in der Antike einen ruhigen Hafen dargestellt haben.
Vom Rhein aus ging der Handelsweg über die heutige Kirchstraße, Angert, (Kastellmauer) Richtung Proffen/Marienberg, Simmerner Str. in den Hunsrück und zur Mosel. Außerdem über das Mühltal und über das Peternacher Tal, ebenfalls über den letzten Hunsrückausläufer/Karthause nach Koblenz - der Weg war viel kürzer, wenn auch steiler, als der durch das Rheintal.



Confluentes/Koblenz war über den Höhenweg über den Kühkopf und am Remstecken vorbei in 8 Leugen erreichbar. Auch wenn der Weg am Anfang steil anstieg, kürzte man den Weg nach Koblenz um mehr als die Hälfte ab, um dann weitere Wege in die Vordereifel, nach Rübenach/Rufiniacum, Ochtendung oder nach Kaisersesch, Richtung Trier, ins zentrale Gallien zu nehmen.
Die nördliche Route führte über Weißenthurm am Rhein vorbei nach Köln. Eine weitere Route über KO-Metternich/Matriniacum, über die Karmelenberghöfe und die Drei-Tonnengruppe nach Saffig, Ochtendung, Polch, weiter in die Eifel oder wieder Richtung Köln.
Am Remstecken, an der Hünsrückhöhenstraße, hat man eine größere Villa rustica gefunden, also einen römischen Gutshof, auf der anderen Straßenseite ein Gräbermonument, weiter südlich davon einen Merkur/Rosmerthatempel auf der Höhe (samt Herbergs- und Priesterunterkünfte). Dazu mehr auf der Villa-Remstecken-Seite.
Bodobriga war also ein Knotenpunkt der Handelswege vom Mittelrhein in den Hunsrück.

Im Zuge der Eroberungs Galliens durch Iulius Cäsar und der anschließenden römischen Übernahme und Besiedlung des linksrheinischen Gebietes wurde der Vicus Bodobrica (Baudobriga, Bodobriga, Bontobrice, es gibt verschiedene Variationen) am Eingangsbereich zum Mühltal neben der Römerstraße (der heutigen B9) ausgebaut. Unter dem römischen Kaiser Claudius (41-54 n. Chr.) entstand die am Rhein entlang führende Heerstraße und  eine Reihe von Befestigungsanlagen. In Boppard entstand vermutlich zunächst eine mit Graben, Erdwall und Palisadenwand befestigte Anlage, ein Burgus, auf der freien Fläche in der Nähe der keltischen Siedlung am Mühlbach. Die Einheimischen verlegten ihre Handwerks- und Wohnhäuser nach und nach in die Nähe des Erdkastells, bzw. an die jetzt stärker von Militär und Handel frequentierte Hauptstraße. Es entstand ein neuer Vicus, eine offene Straßensiedlung. Der neue Vicus behielt wohl seinen keltischen Siedlungsnamen „Bodobrica“ bei.

Typische Hauptstrasse eines vicus - vorne die Wohngebäude mit Laden oder Werkstatt zur Strasse hin;
rückwärtig schliessen sich Hühnerhof, Schweinezucht, Ställe und Gemüsegärten an


Rekonstruktion einer Ladenstraße in Pompeji



und eine Computeranimation, wie wohl eine städtische Ladenstrasse
in einer wohlhabenden Stadt wie Trier ausgesehen haben mag

So sahen sie übrigens - mal mehr, mal weniger prächtig ausgebaut -
überall im römischen Reich aus, immer mit Vorbau, dahinter eine
Werkstatt und/oder Verkaufsladen, fast immer eine befestigte Straßendecke


eine Ziegelei/Töpferei


Nach den ersten Germaneneinfällen Ende des 3. Jahrhunderts beschloss Kaiser Diokletian während seiner Oberherrschaft, die Legionen von 6000 auf 2000 Mann zu verkleinern und die Reitereieinheiten abzuschaffen. Es entstand ein beweglicheres und flexibel einsetzbareres Heer. Neue Truppenlager wurden an den Grenzen errichtet oder umgebaut und mit Mauern und Türmen befestigt. Die Befehlshaber dieser Einheiten entstammten dem Ritterstand (equites). Ritter wurden nun regelmäßig in den Senatorenstand aufgenommen. Die Stände verschmolzen miteinander. Die Provinzen wurden neu zugeschnitten. 

Es gibt keine genauen Überlieferungen, wann mit dem Bau des gemauerten Kastells in Boppard begonnen wurde, auch von den anderen Rheinkastellen hat man keine genauen Datierungen. Münzen und 322 Stempel auf Plattenziegeln der 22. Legion, die in Mainz stationiert war, sind im Bereich der Kastelltherme von Boppard, die wohl mit als erstes errichtet wurde, gefunden worden. Da die Legion schon früh abgezogen wurde, vermutet man eine Datierung des Baues bis spätestens 352/355. Also sollte der Baubeginn der Anlage früher erfolgt sein. Die Fachwelt ist sich über den Baubeginn nicht einig.
MEINE - ich hoffe logische - Vermutung, die sich an der bekannten Historie orientiert, tendiert dahin, dass schon unter Diokletian die Entscheidung dazu gefallen war. Die Erbfolgekriege nach Diokletians Abdankung haben bestimmt verhindert, dass die Bauarbeiten konstant weiter gehen konnten. Die Truppen waren anderweitig mit Kriegsspielchen beschäftigt. Als die Machtlage endlich geklärt und alle Konkurrenten um die Macht erledigt waren, führte Konstantin der Große den Plan zur Befestigung der Standorte weiter. Denn Konstantin hat die Umgestaltung des Heeres, die schon von seinem Vorgänger begonnen wurde, fortgeführt. Statt an den Standorten große Legionen zu postieren, zog er große Teile seiner Truppen von den Kastellstandorten ab und formte ein Bewegungsheer, das je nach Bedarf flexibel eingesetzt werden sollte. Außerdem gründete er seine eigene Bedeckung in Trier, die Palastgarde/Prätorianer, die ausschließlich aus Germanen bestand, weil Konstantin seinem eigenen Militär - in senatorische Machtspielchen verstrickt - nicht traute.

Logischerweise musste er seine Kastelle jetzt anderweitig schützen, wenn nur noch eine relativ kleine, vielleicht auch wechselnde Besatzung, vor Ort blieb, zumal 328/329 die Germanen wieder mit Plünderungszügen begonnen hatten. Also kann man annehmen, dass Konstantin die Bauarbeiten an den Kastellen am Rhein befohlen hat oder den Befehl gab, sie zu Ende zu führen, bevor er 327 von Trier nach Konstantinopel umzog. Als Julian um 359 die Kastelle renovieren liess, waren sie definitiv schon mit Mauern und Türmen versehen und schon ein paar Jährchen alt. Der Ausbau der Standorte wird also zwischen 320 und 350 stattgefunden haben.

Den Bau des Bopparder Kastells habe ich in die angenommene Bauphase um 340 gelegt.
Die Rheinkastelle unterstandem dem Oberbefehlshaber (dux) in Mainz. Später wurde die bopparder militärische Besatzung - wegen der bürgerkriegsähnlichen Kriegszüge der Kaisernachfolger gegeneinander und der Kriegsituation mit den Persern - endgültig abgezogen und im Osten des Reiches eingesetzt. Was vom Kaiser des römischen Ostreiches wohl auch genau so beabsichtigt war, um den innerrömischen Gegner in einen Zweifrontenkrieg zu verwickeln.
Die ganze Region vom Rhein bis Reims war nun den "Barbaren" mehr oder weniger wehrlos ausgeliefert.
Man kann sich vorstellen, dass die reicheren Römer aus dem Senatoren- und Ritterstand sich aus der Region verzogen und sich auf ihre Güter weiter südlich im Reich in Sicherheit gebracht haben. Die keltischstämmige und romanisierten Einwohner, sowie die Veteranen, die keinen anderen Landbesitz hatten, werden sich im Schutz der Kastellmauern gegen die Überfälle und Plünderungszüge zu schützen versucht, eine militärische Restverteidigung und die zivile Verwaltung aufrecht erhalten haben.

Eine Brandstelle lässt sich ca. ins Jahr 370 in den Thermen nachweisen. Man hat jedoch nicht herausgefunden, ob sie durch kriegerische Einwirkung entstand oder ob es aus "normalen" Gründen zu einem Brand gekommen ist. Insgesamt hat Boppard die kriegerische Zeit gut überstanden. Bis 424 ist die Anwesenheit römisch ausgerüsteter Truppen in Boppard nachgewiesen.

 

Kastell, Kastellmauer und Militär
 


Das Kastell - meiner Datierung nach um 330-340 erbaut - wird im Mainzer Dukat als „milites balistarii“ bezeichnet, hat 308x154 m Fläche und besteht aus 28 Rundtürmen mit jeweils 28 m Wehrmauer dazwischen. Auf Grund der Größe von knapp 5 Ha hat es wahrscheinlich eine cohors quingenaria peditata (ca. 1000 Mann Infanterie) beherbergen können. Da auch die Franken und Germanen Schleudern und Feuerbomben benutzen, ist es wahrscheinlich, dass die Türme Spitzdächer mit Schiefer/Schindelabdeckung hatten, um die Geschosse wirksam abrutschen zu lassen.

Hier eine Kastellanimation (Sendung Rom am Rhein), die ich vom TV abfotografiert habe. Die Lage entspricht in etwa dem des Bopparder Kastells direkt am Rhein.

             



Jedenfalls haben frühe Ausgräber Schieferreste in den Turmresten gefunden.
Das gemauerte Kastell wurde komplett neu außerhalb des Mühltalstandortes, nördlich der Römerstraße errichtet. Die Westfront bildet die Karmeliterstrasse, die vermutlich ein Festungsgraben/Spitzgraben war. Die Ostseite, die heute durch die Bebauung verläuft, kann man als Mauerrest von der Burgstraße aus besichtigen. Die Südseite zieht sich ungefähr von oberes Ende Kirchgasse/Angert quer durch die dortige Häuserreihe bis auf Höhe des Hauses östlich der Evangelischen Kirche/Angert.
Die originale Römerstrasse - also nicht der Cardo maximus, der das Kastell längs teilte - sondern die römische Verkehrsstraßef - verläuft auf der Südseite entlang (ungefähr heutige B9-Umgehung).

Man stritt sich lange unter den Wissenschaftlern, ob das Kastell eine West-Ost-Querung und entsprechende Tore hatte. Die interne Kastellstraße wäre jedenfalls ganz passend die heutige Oberstraße, die bis zum Bau der Umgehungsstraße auch die B9-Hauptverkehrsstraße von Boppard gewesen ist. Soweit ich das mitbekommen habe, tendiert man heute dazu, dass die Oberstraße das Kastell tatsächlich als cardo maximus längs teilte. Am Ende der Fussgängerzone (Brockamp/Penny) hat man Reste von Toranlagen gefunden. Die Theorie ist also plausibel.
Am Westende, heutige Ecke Karmeliterstraße/B9 zeigte die Ausgrabung 2011 zunächst fränkische Gräber, aber... wie von mir vermutet, auch die Reste eines römischen Streifenhauses aus dem 1. Jh n.Chr., was beweist, dass das Kastell nicht nur einfach auf freiem Gelände errichtet wurde; es war vorher schon Besiedlung dort.

Die Nord-Süd-Durchquerung des Kastells ist heute ungefähr die Trasse Kirchgasse/Kronengasse die von Süden nach Norden an der westlichen Seite des Marktplatzes entlang verläuft, die damalige via principalis. Weil das römische Militär eigentlich immer gleichartig baute, wird wohl auch am Ende der via principalis zum Rheinhafen und zur Römerstraße an der Südseite hin eine Toranlage existiert haben. Man wird kaum um das ganze Kastell herum gelaufen sein, um Militärtransporte ein- oder auszuladen, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass der Rhein der Haupttransportweg für alle Güter war. Im Mittelalter (das die antiken Mauern nutzte) wurde ungefähr dort auch der Hafenkran aufgestellt, vor dem heutigen Hotel Spiegel, wo noch die Ausbuchtung der Promenade darauf hinweist.
Es gab an der Südseite der Kastellmauer einen Kanaldurchlass für die Wasserzuführung zur Therme. Der war aller Wahrscheinlichkeit mit armdicken Gitterstäben gesichert.

In Andernach hat man 2012/13 eine Hafenanlage gefunden (leider nicht ausgraben können), also wird Boppard ähnlich ausgestattet gewesen sein. Boppard wurde noch im Mittelalter wegen seiner hervorragend ruhigen Strömung als guter Hafen gelobt. Vor der rheinseitigen Kastellmauer befanden sich vermutlich Bootsanleger, Werftgelände, Fischerkaten, Tavernen. Der Uferbereich war damals unbefestigt, der durchschnittliche Wasserstand lag 2 Meter tiefer als heutzutage und bot noch Platz für allerlei handwerkliche Arbeiten.

Vom spätrömischen Kastell Bocobrica sind einige Mauern und Türme im Ortsbild erhalten. Insbesondere wurde die Mauer am Angert/Kirchgasse gesichert.


Die römischen Mauerreste sind stellenweise von mittelalterlicher Mauersicherung überbaut.
Außerdem sieht man den Kanaldurchlass für die Wasserführung zur Therme und ein paar
jüngere fränkische Grabstellen.


Sockelsteine


hier sieht man schön den Unterschied in der Steinform
zwischen Römermauer unten und mittelalterlichem Aufbau


Steinstraße an der Rückseite des Parkplatzes

Römische Turmreste sind im Rundgang sichtbar vom Angert aus, links vom evangelischen Pfarrhaus,
auch hier mittelalterliche Aufmauerung auf den römischen Resten.


 
Unterhalb der B9 in der Burgstrasse 2x die Rückwände der Parkplätze
Hier sieht man große Steinblöcke in Zweitverwendung, z.B. von alten
Grabmonumenten
und darunter römisches Mauerwerk.

Die schräg stehenden Steine wurden wohl mit zu festem Mörtel verbunden,

der nicht flüssig genug war, um in die Fugen ganz einzusickern.
Schlampige Arbeit gab es schon immer!

Leider sieht man diese Schlamperei nicht mehr, weil der Turm mittlerweile
saniert und "zugespachtelt" wurde.





Hier war der Mörtel flüssiger und hat die Bruchsteine gut miteinander verbunden




Um die Ecke herum, am Restaurant Römerburg linke Hauswand.
Dort ist das original im Boden erhaltene Turmfundament durch ein Pflasterrondell markiert.

Ausgrabungsbefund am unteren Ende der Karmeliterstraße, wo der Kastell-Eckturmrest nun
mit dem heutigen Eingangsbereich des mittlerweile fertigen Kastellmuseum überbaut ist.


Wenn man im Bopparder Ortskern, z.B. am Marktplatz genau hinsieht, ist oftmals eine markant anderer Pflasterart verlegt, die die vermutlichen oder ergrabenen Verläufe der Kastellmauer oder von Türmen kennzeichnen.  Die Mauern sind 3 m dick, rheinseitig 2 m. Man dachte zunächst, dass rheinseitig keine Türme, errichtet worden waren, doch wenn man sich die Eltzerhofstraße/Untere Marktstrasse von der Karmeliterkirche her betrachtet, bemerkt man in regelmässigem Abstand eine Erhöhung, was für mich darauf hinweist, dass hier die Fundamente der Türme unter der Straße verborgen liegen. In meinen Augen wäre es auch relativ sinnfei, ausgerechnet zur ansonsten kaum verteigibaren Fluss- und Feindseite hin keine Türme zu errichten. Vielleicht hat man die Türme im Mittelalter alle abgerissen, um zum Rhein hin freien Zugang zu bekommen und dem Flusshandel freien einen besseren Zugang zum Rhein zu ermöglichen.

Die Kastellmauern wurden so errichtet, wie die Römer es überall gemacht haben. Nur die Außenseiten wurden mit großen Grauwackesteinen akkurat gemauert. Die zwei Meter Inneres der Mauer besteht aus dem üblichen Römerbeton,  bestehend aus Geröll zur Drainage und einer Füllung aus Gußmauerwerk aus mehr oder weniger unregelmässigem Gestein und Mörtel. Leider hat auch noch niemand eine Untersuchung veranlasst, die die Herkunft des Baumaterials nachweist. Die Grauwacke hat unterschiedliche Konsistenz und Farbe, das wäre doch eigentlich interessant zu wissen. Vermutet wird vielleicht ein Grauwackeabbau bei Oberwesel/Volsovia, weil man von dort aus die Flussabwärts-Verschiffung nach Boppard direkt zur Baustelle leicht in Flachbooten hätte bewerkstelligen können oder aus dem sogenannten "Rattenloch" in der Kurve der Buchholzer Str. Allerdings ist meine Meinung, dass Ochsenkarren, gerade wenn es steil bergauf geht, eine begrenzte Kapazität haben. Und für das Kastell mussten eine Menge Steine transportiert werden!

Die Römer haben sich für die Errichtung der Grundmauern ihrer Kastelltürme durch die Flussandschichten bis auf den Kiesgrund gegraben, um festen Boden zu bekommen. Wer in der Karmeliterstrasse die beiden Rekonstruktionen der Türme betrachtet, bemerkt, dass das Straßenniveau von der B9 bis zum Rhein hin ca. 8 m Höhenunterschied hat. Dieser Niveausprung zeigt sich auch von der B9 aus  die Burgstraße hinunter, die die Ostseite des Kastells darstellte. Wobei man wohl ca. 3 m moderne Niveauerhöhung abziehen muss - die alte Römerstrasse liegt ca. 3,14 m unterhalb der heutigen Fussgängerzone.
Es geht die Theorie, dass das Kastellinnere evtl. auf zwei Ebenen bebaut gewesen sein könnte, also evlt. mit einer Niveaubefestigung ungefähr entlang der heutigen Fussgängerzone (cardo maximus) durch eine Mauer, evtl. mit Treppen oder Rampenverbindungen. Der Höhenunterschied ist auf dem Marktplatz aber nicht so drastisch.
Ich habe auch überlegt, dass während der letzten 1500 Jahre wahrscheinlich eine erhebliche Erosion von den Hängen zum Rhein hin stattgefunden haben könnte und dieser heutige Niveauunterschied in dem Ausmaß damals noch gar nicht existierte. Um 1350 gab es eine unglaubliche Schlechtwetterphase, die überall in Deutschland ganze Dörfer und Städte halb weggeschwemmt hat. Noch ist nichts Genaues ergraben.
Definitiv stand die rheinseitige Kastellmauer so weit vom Rheinufer entfernt (siehe Eingang des werdenden Kastellmuseum in der Karmeliterstrasse, die dort modern rostig den Kastelleckturm kennzeichnet), dass man während der normalen Hochwasserphasen im Trockenen blieb.

In den Türmen wurden in Altgrabungen Schiefer- und Ziegelreste gefunden. Leider sind auch die damals nicht gesichert worden. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die Türme also tatsächlich mit Schieferdächern abgedeckt. Die alten Rekonstruktionszeichnungen mit Zinnen und offenen Türmen sind altertümliche Vorstellungen. Die Türme waren auch nur von Innen über die Wehrmauer betretbar und hatten keine Tore.

Auf Grund der überlieferten Bezeichnung in der Notitia dignitatum, in der ein preafectus militum balistariorum erwähnt wurde, ist anzunehmen, dass in Boppard eine Abteilung Festungsartillerie mit ihrem Festungskomandanten stationiert war.  Folgende Bewaffnung des Kastells kann  man annehmen:
Nur die Legionen verfügten über Geschütze, mit denen Steinkugeln, Brandpfeile und Bolzen verschossen werden konnten. Die Schusskraft wurde dadurch erreicht, daß die beiden Arme eines Geschützes in Spannsehnenbündel eingespannt waren und durch Auslösen des Mechanismus in ihre ursprüngliche Lage wieder nach vorn schnellten. Hierdurch wurde das Geschoß vorwärts getrieben.
Es gab Flachbahngeschütze (catapulta und scorpione) und auch zweiarmige Steilfeuergeschütze (ballista). Die Geschütze wurden entweder mitgeführt oder als Festungsgeschütze auf den Mauern belassen. Sie wurden hauptsächlich gegen angreifende Fußtruppen eingesetzt, denn mit ihnen konnten keine Breschen in Mauern geschlagen werden. Außerdem dienten sie zum Schleudern von Brandpfeilen in feindliche Stellungen.

 





 
Das Feldzeichen der Legion war der Legionsadler (aquila). Die Manipel und die Centurien einer Legion besaßen ebenfalls Feldzeichen, genau wie wir das für die einzelnen Kohorten der Legion annehmen können.




Principiahalle Saalburg
 
Die principia  bildete das Lagerzentrum. Sie hatte verwaltungstechnische und kultische Aufgaben. Meist lag zur via principalis hin eine Vorhalle, die für Versammlungen und zum Exerzieren benutzt wurde. Dahinter befand sich ein Innenhof, an den sich eine Querhalle (basilica) mit (in Auxiliarlagern meist fünf) Räumen anschloß. Im Mittleren befand sich das Fahnenheiligtum (aedes) mit den Feldzeichen (signa, vexilla), den Truppenaltären und den Kaiserbildnissen. Darunter im Kellerbereich bewahrte man die Truppenkasse auf. Bei den anderen Räumen handelte es sich um Diensträume, z. B. von Schreibern (tabularia) oder des Fahnenträgers (signifer). Dazu kamen noch die armamentaria, die Waffenräume, die auch an den beiden Seiten längs des Innenhofs angeordnet sein konnten. Im Innenhof selbst befand sich auf einem Podest das Tribunal, von dem aus Ansprachen gehalten und Befehle gegeben wurden und auf dem Platz ein Kaiserbildnis (imago) oder eine Reiterstatue des Kaisers.

 
Das Wohnhaus des Kommandanten, das praetorium, war meist nach dem Schema der mediterranen Peristylvillen angelegt und befand sich in der Regel in Legionslagern hinter den principia, in Auxiliarkastellen rechts daneben.
Die Soldaten selbst waren in Mannschaftsbarracken, den centuria, untergebracht. Diese bestanden aus zehn Mannschaftsräumen (contubernia) mit je einem Wohn- und Schlafraum und Herd sowie einem Vorraum. Am Kopfende jeder "Wohnanlage" lag der vergleichweise große, quadratische Wohnbereich des centurio.

 


Principia Saalburg                  
                                                         

 



Kastellmodell Niederbieber praetorium


Principia Saalburg Innenhof

    
                  Fahnenheiligtum mit Feldzeichen

 
Kellerräume mit Soldkasse


      
        natürlich brauchte die Truppe auch Getreidespeicher (Horreum)

   
ein Lazarett

Ställe und Scheunen für die Pferde und eine Waffenschmiede

 
Schmiedewerkstatt (Burgbrohl)         Blasebalg           und Schmiedefeuer

                                   
           
In vielen Kastellen mussten die Legionäre ihr Mehl nicht selbst mit der Handmühle mahlen.
Große Getreidemühlen, angetriebenvon Zugtieren, nahmen ihnen diese Arbeit ab.
Es gab oft eine Bäckerei mit mehreren Backöfen.


Backofennachbau Burgbrohl


          

                                                                 Backofennachbau Bliesbrück-Reinheim                                                                                       


Backofengrundmauern Saalburg

Die Dinge, die der Soldat unbedingt brauchte, mußte er auf dem Marsch selbst tragen (können). Dazu gehörten neben den Waffen noch Werkzeug, Kochgeschirr und eine eiserne Ration. Je nach Auftrag kamen einer oder mehrere Schanzpfähle hinzu. Die Traglast wog ca. 20 Kilogramm und wurde an einer Stange auf der Schulter mitgeführt. Die Centurien waren in Gruppen à 8 Mann aufgeteilt. Jede Gruppe oder »Stube« (contubernium) schlief zusammen entweder in einer Stube, auf Feldzügen in einem Zelt. Die antiken Zelte waren steilwandig mit einer Grundfläche von ca. 3 x 3 Metern. Jedes contubernium hatte ein Tragtier zum Transport schwererer Gepäckstücke. Zusätzlich standen noch Wagen zur Verfügung, auf denen Verpflegung, schweres Schanzgerät usw. mitgeführt wurden. Für diese Lastwagen gab es eigene Remisen im Bereich der Lagerstraßen und für die Tiere Ställe (stabula). Dazu kamen weitere Gebäude: Speicherbauten (horrea; z. B. für Getreide), Lazarette (valetudinaro), ein Optio war Lazarettvorstand, Werkstätten (fabricae), Latrinen und Bäder innerhalb oder außerhalb des Lagers.
Wenn tatsächlich jedes Contubernium ein Maultier oder Transportesel hatte, kamen da rund 100 Tiere zusammen, die untergebracht und gefüttert werden mussten, dazu noch die Reitpferde der Kommandanten.

 
Contuberium mit 6-8 Schlafplätzen

 
 
                      
Ablageregal für Küchenutensilien         Herdstelle in der Mannschaftsunterkunft

    
Waffen, Kettenhemd, Gürtelgehänge, Tragekreuze fürs Marschgepäck mussten untergebracht werden. 

 

Als Beleuchtung dienten die üblichen Öllämpchen.

Man glaubt nachweisen zu können, dass am Mittelrhein überwiegend in Nord- und Mittelspanien ausgehobene Truppen stationiert waren. In den 400 Jahren römischer Besatzung werden aber auch Soldaten aus allen anderern Reichsteilen - aus dem heutigen Rumänien, Balkan, Griechenland, Nordafrika, Italien und Palästina, hier "vorbeigekommen" sein, vor allem während der jeweiligen Bürgerkriege um die Kaisernachfolgen. Dies beweisen viele Grabsteine mit entsprechenden Hinweisen auf die Herkunft der Legionäre und Hilfstruppen. Und neuerdings auch die Genforschungen der modernen Wissenschaft!
Nach 25 Jahren hatten römische Soldaten ihren Dienst erfüllt und erlangten das Bürgerrecht durch Anschlag ihrer Namen auf einer Urkunde an der Säule der Minerva in Rom. Die Urkunde ist von 7 Zeugen unterzeichnet. Jedem Soldaten wird eine Abschrift zugestellt. Mit dieser Urkunde ist er Bürger Roms, darf heiraten und seine Nachkommen sind ebenfalls römische Bürger. Später sind keine Urkunden mehr überliefert, wahrscheinlich weil das Bürgerrecht für alle Menschen auf römischem Staatsboden eingeführt wurde.
Der Soldatenstand wurde erblich. Die Söhne von Veteranen waren dienstverpflichtet. Allerdings erhielten die Veteranen auch einige Steuervorteile. Die Soldaten durften während ihrer Dienstzeit zwar nicht heiraten, hatten aber meist inoffizielle Familien in den umliegenden cannabae und vici. Schon aus diesem Grund dürfte man in Mitteleuropa einen Genpool haben, der sich aus dem ehemaligen römischen Reich rund ums Mittelmeer - im wahrsten Sinne des Wortes - rekrutiert hat. In Friedenszeiten wurden die Soldaten zu Arbeiten für die Allgemeinheit herangezogen: Ziegel brennen (weshalb Ziegel meist den Stempel einer Legion als Herstellungsmarke tragen), Straßen und Brücken bauen, Wasserleitungen und Aquädukte errichten Vexillationes nennt man die Legionssoldaten, die für Spezialaufgaben abgestellt wurden.

Da die Landesarchäologie so ziemlich alles in ihren Archiven verwahrt und sehr wenig an den ursprünglichen Kastellstandorten ausstellt - und Boppard sowieso noch der kompletten Publikation und Fundpräsentation harrt - hier ein paar Ausstellungsstücke aus dem Schloss Sinzig. Es lohnt sich, dort mal vorbeizuschauen. Es gibt vieles zu bestaunen! Da die Kastelle alle ähnlich strukturiert waren, wohl auch die gleichen Lieferanten hatten und die gleichen Dinge genutzt haben, dürfte der kleine Überblick aus Sinzig einen ähnlichen Querschnitt haben. In Boppard wurde das kleine Bontobrice-Museum mittlerweile eröffnet, stallt aber meiner Mainung nach nur einen MINI-MINNNIIII-Bruchteil der Funde aus! Wahrscheinlich deshalb, weil eben die ganze Ausgrabung der 60er-Jahr noch nicht publiziert wurde. Da gibt man nicht allzu viel preis.)

Ich hoffe, dass ich es noch erlebe, dass diese Publikation veröffentlicht wird und ich das alles zu sehen bekomme!


Gebrauchsgeschirr verschiedener Herkunft




Fibeln, Öllämpchen, Münzen

 
Die Thermen

Kaum ein Bopparder erinnert sich an die großartigen Funde und kein Tourist wird besonders auf die Thermenanlage aufmerksam gemacht, die sich nur Zentimeter unter dem Pflaster des Marktplatzes befindet. Es gibt es keine Fotos von der Ausgrabung (nur ein kleiner Tafelband im Bibliotheksfundus der Landesarchäologie) und den antiken Funden. Sämtliche offiziellen Ausgrabungsfotos und Funde sind seit fast 50 Jahren unter Verschluss. Einige Anläufe zur Publikation sind bislang gescheitert und die Fundstücke über die Zeit aus den Archiven verschwunden. 
Nur die christlich-romanische Entwicklung der Kirche AUF und IN den römischen Ruinen wird wieder einmal besonders wichtig genommen und vor Ort dargestellt. Lustig ist, dass St. Severus vom Papst kürzlich zur Basilika "erhoben" wurde. Lustig deswegen, weil eine Thermenanlage römisch sowieso "basilika thermarum" genannt wurde.


Leider hat man die besterhaltene römische Therme nördlich der Alpen, die sich unter der Pfarrkirche St. Severus und dem Bopparder Marktplatz befindet, nach der Ausgrabung von 1963-66 wieder völlig unsichtbar zugeschüttet. In Xanten hat man dagegen über den Druckstellen der Fundamente der Therme einen riesigen Glasbau errichtet und dort treten sich die Besucher praktisch in die Hacken. In Boppard hätte man die Einrichtung der Therme mit Badebecken und Einzelbadewannen noch meterhoch besichtigen können. Sämtliche Dias und Originalfotos der Ausgrabung von damals befinden sich entweder im Besitz der Landesdenkmalpflege oder in Privatbesitz. Bevor nicht irgendein tapferer Doktorand/Doktorandin eine zusammenfassende Publikation über die Bopparder Fundlage geschrieben hat, wird es wohl auch keine anderen Fotos außer denen des Tafelbandes geben. Die Fotos dieses Tafelbandes wurden auch in "Boppard am Rhein - Ein Heimatbuch" im Anhang veröffentlicht und die bis 1977 bekannten Ausgrabungsbefunde von Dr. Eiden erklärt.

Hier zunächst eine Luftaufnahme der rekonstruirten Thermenanlage von Xanten. Die Fotos sind aus der 3-teiligen TV-Doku "Rom am Rhein". Man hat auch die Innenräume am Computer rekonstruiert und Massageliegen, kleine Geschäfte im Vorraum und Wandekorationen dargestellt.





Sooo prächtig waren die Thermen des Bopparder Kastells wahrscheinlich nicht ausgestattet, aber sie boten doch einen gewissen Komfort, vor allem im winterlich kühlen Ostgallien.


In Boppard hätte man sogar die Einrichtung der Therme mit Badebecken und Einzelbadewannen besichtigen können Schon Dr. Eiden bedauert es im Bopparder Heimatbuch zutiefst, "daß die Konservierung und die dadurch mögliche Besichtigung von einigen Teilobjekten der Anlage auf dem Bopparder Marktplatz trotz der unbestreitbaren Werbewirkung für die (Anmerkung: damals) moderne Heilbäderstadt keine Zustimmung fand."








  

 


An die rheinseitige Mauer des Römerkastells lehnte sich innen ein Kastellbad mit den Maßen 50 x 35 m an. Münzen und Ziegelstempel der 22. Legion im Kastellbad lassen eine Datierung der Errichtung bis spätestens 352/55 zu, da die Mainzer Legion 351 endete und keine Ziegel mehr herstellte. Die Thermen wurden aus Schiefer-Grauwacke errichtet. Braunroter Außenputz gab ein freundliches Aussehen, ein Ziegeldach schützte vor gallisch-germanischem Wetter und  verglaste Fenster in der Südseite brachten Licht und Wärme. Vor der Südseite der Therme (heutiger Marktplatz) befand sich eine große Freifläche (Exerzierplatz), im Osten Wirtschaftshof, im Westen Prätorium.

Auf der Eingangs-Südseite befand sind ein Korridor-Vorbau und seitlich die Auskleideräume, an der hinteren Mauer einen 180 qm großer Saal, damals die Sporthalle/Palästra, Bistro, etc. – die basilica thermarum.  Der östliche Raum mit Apsis hat eine Fussbodenheizung nur im mittleren Raumteil, deshalb hier mittlere Temperaturen und gilt als Erfrischungsraum zwischen Sporthalle und Bad.
Der größte Raum der basilica thermarum, die Palästra/Sporthalle, ein 180 qm großer Saal, war direkt an die rheinseitige Kastellmauer angebaut.

Die Therme war vermutlich von einer Umfassungsmauer umgeben, die als Sichtschutz diente, da vermutlich nur mit einem Tuch bekleidet, gebadet und Sport getrieben wurde. Allerdings gibt es auch Nachweise darüber, dass eine Art Bikini getragen wurde, wie ein Leder-Fund aus Trier beweist. Auch die Römerinnen mochten es "très chic".


Hier ein eine Darstellung von römischen Sportlerinnen



Auf dieser Grundrisszeichnung sieht man schön die beiden halbkreisförmigen Badebecken. Das Rechte liegt leicht rechts versetzt vor dem Christuskreuz an der Kirche unter dem Marktplatz. Die vielen kleinen Vierecke kennzeichnen die Fundorte der Ziegelstapel, die die Fussböden trugen und zwischen denen die warme Luft der Heizungsanlagen hindurch strömte.
Der "Südhof" der Therme liegt heuzutage unter dem Primelbeet vor der Kirchensüdwand.
 
 
Die Gliederung der Räume entsprach dem üblichen Bauschema der römischen Militärbadeanlagen: Kaltbad (Frigidarium), Tepidarium, Schwitzbad (Sudatorium) und Warmbad (Caldarium). Das Wasser für die Badeanlage wurde in einer typisch römischen Wasserleitung durch einen Kanal unter der Festungsmauer herangeführt, von Süden her aus den benachbarten Hängen des Eisenbolz/Schowes. Der Abwasserkanal führt unter den Thermen zum Rhein hin und spült auf seinem Weg die Latrinen.  Die Räume wurden durch Fußboden- (Hypokausten) und Wandheizung (Tubuli) erwärmt und geheizt.
Der eigentliche Badetrakt im Südosten der Anlage ist mit großen, verglasten Fenstern dem Licht und der Wärme zugeneigt. Es gibt hier Kaltbad/Frigidarium, Schwitzbad/Sudatorium, Warmbad/Caldarium.



 
                                             Da guckt der "INRI" sozusagen direkt ins Badebecken.

Das Schwitzbad ist ein Raum mit direkter Fussbodenheizung und beheizten Wandfliesen. Es gibt eine Wanne mit Abflussrohr aus Blei. Man fand auch „moderne“ Drehwasserhähne aus Bronze, wie sie auch heute noch benutzt werden. Das Wasser wird auf den Fußboden geleert und verdampft dort. Die Rohre ließen sich mit passenden Bleistopfen öffnen und Schliessen.

 
Im Caldarium gibt es ein Warmwasserbassin im Boden eingetieft, mit Fussbodenheizung. Hier konnte man sich mit heissem Wasser übergiessen??? (vermutlich war hier eher eine Wanne hochgemauert). Bestimmt gab es auch Massageliegen und Ruhemöbel.


 

Es folgen ein paar Bilder aus anderen Ausgrabungen, deren Thermenreste erhalten blieben.
 
Bliesbrück-Reinheim
  
Unterkonstruktion eines Thermenbeckens: Fussbodenheizung, Auflage von starken Fliesen, darüber eine dicke Schicht Estrich und zuletzt wasserdichter Putz, obenauf oft schöne Mosaike. Die Räume waren bemalt und die größeren Thermen prächtig mit Statuen und Blumenkübeln ausgestattet. Eben Wellnesstempel wie heutzutage. Es gab Imbiss- und Getränkestände, musikalische Begleitung und Servicekräfte. In der Palästra wurde Sport getrieben. Es sind Steingewichte und Handgewichte aus Metall zur sportlichen Betätigung überliefert.

Am Beispiel von Xanten folgen nun Bilder und Erklärungen darüber, wie Thermen grundsätzlich aufgebaut waren.
Sie wurden überall den Gegebenheiten angepasst, mal kleiner, mal größer, mal einfacher, mal prächtiger ausgebaut. Das Prinzip ist aber überall gleich gewesen.


Palästrarekonstruktion Xanten


Thermenmodell von Xanten


Thermenplan von Xanten
Links Palästra, anschliessend das Frigidarium (Kaltbad), rechts daneben Tepidarium



gefolgt vom Sudatorium



 und zwei seitliche Räume mit Fussbodenheizung.
rechts das große Caldarium (Warmbad) mit zwei Apsiden.
sowie außen zwei Heizungsräume, Räume mit Warmwasserboilern, etc.




Heizung- und Warmwasserbereitung



 
Baderituale
Vor dem Bad in den großen Becken reinigte man sich sicher vom groben Schmutz des Tages in Badwannen oder Übergießbecken. Es gab Barbiere, die Haarentfernung mit Pinzetten oder Rasur anboten, Schmutz aus den Ohren entfernten und Fingernnägel feilten. Hier wurden auch Ohrlöcher für Ohrringe gestochen. Friseure dienten der Behandlung der Haare und deren Verschönerung mit Kämmen, Haarnadeln, Haarteilen, Perücken. Haarnadeln hat man überall im römischen Reich aus allen billigeren und auch wertvollen Materialien gefunden: aus Knochen, Horn, Holz, Gold, Silber, Bronze, Glas und Gagat. Es wurden Spiegel aus Bronze benutzt. Zur Massage oder nach dem Bad  benutzte man parfümierte Öle, deren Überschuss mit einem Strigilis abgestrichen wurde.



Man nutzte Balsame als Deo, Schminken mit Farbpülverchen, vermischt mit Speichel oder Wasser, angerührt in Holz- Knochen- und Glasbehältern mit Korkstöpseln. Sicher wurde man auch mit Getränken und kleinen Mahlzeiten bedient, falls man das Geld dafür hatte. Keramik aus Mayen hat man hier gefunden und  Keramik (Rädchensigillata) aus den Argonnen. Die Bopparder Therme wurden wahrscheinlich um 370 von einem Schadfeuer beschädigt. Ob es ein Unfall, ein germanischer Überfall oder vielleicht ein Konflikt unter den Einwohnern war, lässt sich nicht nachweisen.

Nach den Germanenangriffen 406 wird das Kastell militärisch aufgegeben. Die Bopparder nutzen die Anlage jedoch weiter zu ihrem Schutz. ERST etwa 450 wird die Therme mit einer frühchristlichen Kirche überbaut. Dazu nutzt man vor allem die große Halle der Therme und baut mit 32x17 m eine Saalkirche mit Ambo, Apsis, Baptisterium (1,3m breit u. 60 cm tief) mit hölzernem Baldachin. Das Taufbecken kann man gleich hinter dem Westeingang von St. Severus im Boden besichtigen.

 
Taufbecken und Taufbeckenfundament

Für manche Leute scheint es die allerwichtigste Frage der Historie zu sein, wann es im Rheinland die ersten Christen gab. Wie immer galt damals die Devise: "Wes' Brot ich fress, des' Lied ich sing." Als Konstantins Familie, vor allem seine Mutter, sich dem Christentum zuneigte (Konstantin selbst war Zeit seines Lebens kein Christ) und Konstantin die GLEICHSTELLUNG des Christentums mit anderen Religonen per Gesetz gebot, häuften sich auch die Taufen unter seinen Amtsträgern, die sich dadurch einen Karrierevorsprung erhofften. Unter seinen Nachfolgern war es vor allem Gratianus, der das Christentum mit Macht durchsetzen wollte.

Ab Einführung des Christentums als Staatsreligion unter Theodosius! 383 und des Verbotes aller anderen Religionen im Westreich, begann der - auch gewalttätige - Verdrängungskrieg gegen die alte keltisch-römische und andere heidnische Religionen. Man muss davon ausgehen, dass die Führungsschicht aus Staatsraison zum Christentum übertrat. Bestimmt taten es auch die Militärs und die Staatsbeamten, weil sie eben dazu gezwungen waren, wollten sie weiter ihre Posten und Ämter behalten. Die Landbevölkerung wehrte sich aber noch jahrhundertelang gegen die Christianisierung.

Die meisten keltischen Natur- und Quellheiligtümer, Menhire, Inschriften und Gravuren wurden zerstört, vor allem wurden die großen Quell- und Heiltempel mit Kapellen, Kirchen und Kathedralen überbaut.

Die Christianisierung machte auch in Boppard Fortschritte. Nachdem das römische Westreich gefallen war, als die Germanen an Silvester 406/407 den zugefrorenen Rhein überschritten und die Franken regional die Macht übernommen hatten, wurde die ehemalige große Palästra der Therme in eine Kirche verwandelt. Vielleicht liegen die Grundmauern eines Hafen- oder Kastelltempels nebenan noch verborgen in der Bopparder Erde.

Nach Abzug der Römer bildete sich in Boppard ein fränkischer Königshof aus und die Stadt wurde Verwaltungszentrum des Bopparder Reiches.
Die Taufe Chlodwigs um 500 nChr gab nochmal einen Schub für das Christentum, und ab ca. 800 nChr wurde die Christianisierung von Karl dem Großen innerhalb des Frankenreiches vehement vorangetrieben und über die Elbe hinaus mit dem Schwert ausgedehnt.

Leider hat kein Archäologielaie Zugriff auf all die Bopparder Kleinfunde aus den verschiedenen Ausgrabungen und das Kastellmuseum zeigt nun wirklich sehr wenig. Die Eponastatue vom Mühltal und die Apollostatue aus dem Vicus befinden sich in anderen Museen.

Tja.. man kann den Boppardern so richtig nachfühlen, dass sie alles, was sie über die Jahre in ihren Kellern so gefunden haben, nicht immer abgegeben haben - man bekommt die Stücke ja nie wieder zu Gesicht! Übrigens haben sich auch andere kleine Museen am Mittelrhein darüber beschwert, dass so viele ihrer Funde, z.B. von Sinzig und Remagen in den Archiven der Landesarchäologie verschwunden sind und vor Ort nicht ausgestellt werden.

Ein überraschender Urlaubsfund: Auch an der belgischen Küste bauten die Römer eine ganze Kette von Kastellen. In Oudenburg hat man über den Kastellresten ein Museum errichtet und stellt dort - wie wunderbar - viele Kleinfunde aus, die so wahrscheinlich auch in Boppard ans Tageslicht gekommen sein sollten. Ein Klick HIER und es geht nach Oudenburg.

Weitere Historie

Boppard wird unter den Franken Verwaltungszentrum.  Die fränkischen Könige verfügten im Frühmittelalter am Mittelrhein über ausgedehnte Besitzungen. Verwaltungsmittelpunkt des Reichsgutkomplexes „Bopparder Reich“ zwischen Rhens und St. Goar war Boppard als Stadt (erstmals 643 urkundlich erwähnt) mit seinem Königshof am Mühltalausgang. Im Laufe der Zeit entwickelte sich Boppard immer weiter und wurde im Jahr 803 als Reichsstadt bezeichnet. Der Fiskus Boppard wurde damals von den Konradinern verwaltet. Das Reichsgut fiel in ottonischer Zeit wieder an das Reich zurück. In der Zeit danach besuchten die Könige regelmäßig ihre Besitzungen in Boppard (Pfalz im Mühlbachtal). In salischer Zeit trat eine Bopparder Ministerialenfamilie auf den Plan, die im Auftrag des Königs von Boppard aus die Reichsburg Schöneck gründete und sich nach ihr benannte.
Um 1256 herum begann wohl Richard von Cornwall, ein Neffe von Richard Löwenherz, als damaliger Landesherr, mit dem Bau des Bergfriedes der Alten Burg.

Im Zusammenhang mit dem Bauernkrieg von 1525 scheiterte der letzte Versuch der Stadt Boppard, gegenüber ihrem Landesherrn, dem Kurfürsten und Erzbischof von Trier, ein Stück der alten reichsstädtischen Autonomie zurückzugewinnen.
Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) besetzten abwechselnd Spanier, Schweden, Franzosen, kaiserliche und bayerische Truppen die Stadt. Auch hier erfolgte wieder eine, mehr oder weniger zwangsweise, Durchmischung des gesamteuropäischen Genpools, nicht nur im Rheinland.
Zwischen 1794-1813 wurde das gesamt Rheinland und das Rheintal, damit auch Boppard, von französischen Revolutionstruppen besetzt. Das linke Rheinufer wurde Bestandteil der französischen Republik. Die städtischen Stifte und Klöster wurden aufgelöst, ihr Grundbesitz dem „Nationalgut“ einverleibt. Die Koblenzer "Schängelcher" (vom französischen Jean zum "Schang" mutiert"), sind die Nachkommen der französischen Besatzer aus dieser Zeit und aus der Besatzungszeit nach dem 1. und 2. Weltkrieg. Die neueren Migrationswellen kamen ab den späten 1940er-Jahren mit den amerikanischen Soldaten und in 60er-70er-Jahren mit den "Gast"arbeitern, hauptsächlich aus Italien, Griechenland und der Türkei. Neuerdings wird der Genpool Mitteleuropas mit Migranten aus dem Nahen Osten und Afrika verändert.

Als Archäologe würde man Boppard ganz gerne einmal „sprengen“ und komplett ausgraben wollen. Die mittelalterliche Bebauung (und die heutige) wurde direkt auf den römischen Resten errichtet. Wo immer man unter den Häusern der Innenstadt den Boden aufreisst, findet man römische Bauten. Die originale Hauptstraße, der Cardo maximus, befindet sich ca. 3,13 m unter dem Straßenhorizont der heutigen Fußgängerzone. Hätte ich als Kind nur 30 cm tief in unserem gestampften Kellerboden direkt neben der alten B 9 gegraben - was hätte ich wohl gefunden?